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Es gibt sie ja, diese Sommermuffel, die spätestens im Juni Klagelieder über die hohen Temperaturen schreiben. Sie sehnen sich nach Zugluft um die Ohren und Adrenalin in Blut, denn nichts vernichtet sie mehr als ein ruhiger Tag auf der Strandliege. Sie fühlen sich der Gruppe zugehörig? Wenn ja, warum nicht schon jetzt über das nächste winterliche Abenteuer nachdenken? Diesmal vielleicht auf dem Motorrad?

Motorrad-Reisen im Winter?

Motorrad
Mit dem Motorrad durch den hohen Norden

Ein Abenteuerurlaub auf zwei Rädern gehört standardgemäß ja in die warme Jahreszeit. Aber wer es lieber etwas nervenaufreibender haben möchte, der kann den Spieß diesen Winter gerne umdrehen, denn das Motorrad kann auch winterlichen Strapazen standhalten. Wir hätten da einen Vorschlag für eine Reise in den hohen Norden. Doch eins vorweg: es wird kein Spaziergang.

Die Reiseidee stammt von zwei mutigen jungen Männern aus Italien, Alessandro und Emilio. Die beiden gehören dem Bomboogie Riders Clan an, einem Clan, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die extremsten Orte der Welt mit dem Motorrad zu erreichen. Letztes Jahr hieß das Ziel auf der Landkarte „Nordkap“, der äußerste Punkt Norwegens. Und zwar im Dezember bei Minus 40 Grad.

Wenn die Sonne Winterschlaf hält und die Nordlichter erwachen

Ein unvergesslicher Anblick: Die Nordlichter

Was die beiden, neben dem Nervenkitzel, im Winter ans Nordkap lockte? Die sagenumwobenen Polarlichter. Sie liefern seit Jahrhunderten Quellen für Kunst, Mythologie und Legenden. Man munkelt, dass die nördlichsten Regionen Norwegens der ideale Ort seien, um diese Nordlichter zu beobachten. Deshalb war der Fotoapparat eines der ersten Utensilien, die Alessandro und Emilio in den Rucksack packten.

Und dies ist auch unser Tipp an dieser Stelle: die Reise ist ein spektakuläres Naturschauspiel. Jeder Kilometer weiter Richtung Norden verspricht mehr eindrucksvolle Fotomotive. Irgendwann sind da nur noch das Motorrad, die grün-violetten Polarlichter und Sie. Und ein ewiges Weiß: eisige Seen, eingeschneite Bergkuppen und eine alles überdeckende Stille. Denken Sie beim Start unbedingt an die richtige Fotoausrüstung.

Als Startpunkt des Motorrad-Abenteuers empfiehlt sich der Süden

Das Klima im hohen Norden ist im Winter sehr rau. Ist der Körper an diese extremen Temperaturen nicht gewöhnt, sollte lieber in Mitteleuropa gestartet werden, damit ein wenig Zeit bleibt, um sich zu akklimatisieren.

Der Bomboogie Riders Clan wählte als Ausgangspunkt seine Heimat Turin, Italien. Von dort dauert die Reise circa 14 Tage. 9.500 km sind es an Strecke. Wenn Sie von Deutschland aus starten, dann reduziert sich die Straße natürlich ein wenig.

Bis nach Hamburg verläuft die Route über altbekannte deutsche Pfade: Autobahnen. Ebenso verhält es sich in Dänemark. Dort trafen Emilio und Alessandro die Entscheidung, die Fähre zwischen Frederikshavn und Göteborg zu nutzen, um Skandinavien mit ihrem Motorrad zu erreichen. Wer aber lieber Kopenhagen und den schwedischen Süden einen Abstecher verpassen möchte, wählt den Umweg über die Insel- und Brückenlandschaft im Osten Dänemarks.

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Ankunft in Skandinavien – ab jetzt wird es frisch

Spektakuläre Farbenspiele warten am Himmel auf Sie

Göteborg empfängt seine Besucher mit einer Dezember-Durchschnittstemperatur von knapp Null Grad und ungefähr ein bis zwei Sonnenstunden pro Tag – wenn sie sich denn überhaupt zeigt. Denn jeden dritten Tag ist Niederschlag angesagt. Und das ist erst der Anfang Skandinaviens. Aber wer es extrem mag, kommt hier erst richtig in Fahrt.

Die Reise geht weiter über Oslo bis hin nach Trondheim. Ab dort scheint das Klima verrückt zu spielen. Die Straßen führen entlang der zerklüfteten Fjorde: wunderschön, aber es sind Kinder des Windes und des ewig arbeitenden Meeres, die hier im Dezember keine angenehmen Zeitgenossen sind. Vor allem dann nicht, wenn man diesen mit dem Motorrad frei ausgeliefert ist.

Nördlich des Polarkreises – Der Königsabschnitt

Ab dem 66. Breitengrad geht die Sonne praktisch gar nicht mehr auf. Doch der Weg ist noch weit, gut 1.000 km trennen ihr Motorrad und das Nordkap noch. Das Leben beschränkt sich hier auf ein Minimum. Emilio und Alessandro beschreiben es in ihrem Reisebericht sehr treffend:

„Wenn Du dort angelangt bist, weißt Du, was Alleinsein wirklich bedeutet: keine Tankstellen, keine Häuser, kein Lebenszeichen für viele Kilometer. Wunderschön, und doch so erschreckend, denn Du weißt, wenn jetzt etwas passiert, bist Du dran.“

Nur Elche kreuzen immer wieder die Straße: es sind eindrucksvolle Tiere, die hier zu Hause sind. Sie lassen sich von den selten vorbeiziehenden Autos nicht beeindrucken und überqueren ohne wirkliche Scheu den zugeschneiten Asphalt. Das Problem eines Fahrers ist dabei die Sicht. Sie ist, bedingt durch wenig Licht, Nebel, Stürme und Schnee eh schon eingeschränkt. Manchmal bedarf es einer echten Vollbremsung, um die Bekanntschaft mit einem Elchgeweih zu vermeiden.

Ankunft auf Magerøya, der Heimat des Nordkaps

Der Norden besticht durch seine winterliche Ruhe

Das Nordkap liegt auf der Insel Magerøya. Übersetzt bedeutet das so viel wie „karge Insel“. Nur 3.000 Einwohner zählt sie. 300 Meter hohe Klippen trennen diese von der eisigen See. Minus 30 Grad ist hier keine Seltenheit. Das bedeutet taube Finger und eisige Waden. Alessandro aus dem Bomboogie Riders Clan erzählt von einem an den Helm angefrorenen Bart.

Diese Extremtemperaturen setzen auch einem Vehikel auf zwei Rädern zu. Angeschlagene Reifen, ramponierte Nummernschilder und einige Beulen im Metall – damit müssen Sie rechnen.

Aber die Belohnung an der nördlichsten Spitze Norwegens ist atemberaubend: zahlreiche Nordlichter bieten eine himmlische Ballettaufführung am Nachthimmel. Grüne und violette Farbstränge verbinden und lösen sich immer wieder und sorgen somit für spektakuläres Bildmaterial.

Aufbruch – zurück in die Zivilisation

Die Rückfahrt stellt Sie ebenfalls vor einige Fragen, die Ihnen nur das Klima beantworten kann: nämlich welche Route die am besten befahrbare zur Zeit der Reise ist. Lappland ist im Winter geizig mit Licht und großzügig mit Schneestürmen, die ganze Straßenabschnitte lahmlegen.

Alessandro und Emilio hatten Glück: sie konnten die Eiswüste Finnlands relativ direkt überqueren. Nach einigen Tagen erreichten sie Helsinki, die Hauptstadt des Landes. Das Klima ist dort zwar wieder etwas gnädiger, aber die Kräfte schwinden kontinuierlich. Von dort aus lösen sie ein Ticket für die Fähre nach Estland.

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Die Rückreise: ein echtes Kulturhighlight

Eine mögliche Reiseroute vom westlichen Italien aus

Estland, Lettland und Litauen klettern nicht umsonst seit Jahren immer weiter nach oben auf der Liste der beliebtesten europäischen Reiseziele. Ihre Hauptstädte sind hervorragend organisierte Treffpunkte, die mittelalterliche, teils barocke Kulissen gepaart mit hochtechnologischen Innovationen bereithalten.

Wer sich dort noch ein wenig Entspannung nach den Motorrad-Strapazen gönnen möchte, kann noch einige Reisetage dazu buchen. Der Weihnachtsmarkt auf dem Domplatz von Riga zum Beispiel riecht zu dieser Zeit verführerisch nach Pfefferkuchen und Glühwein. Eine wohlverdiente Abwechslung nach den Frostbeulen und eisigen Winden. Doch Achtung bei den gebrannten Mandeln: die typische lettische Version bestehen aus Zwiebel, Knoblauch und Öl. Sie soll aber ganz vorzüglich schmecken.

Der letzte Teil der Reise führt durch Polen, bis Sie schließlich wieder deutschen Boden erreichen. Sobald Sie dort ankommen, dürfte das Motorrad eine kleine Wellnessbehandlung vertragen, der Fotoapparat eine volle Speicherkarte und Sie erst einmal genug Adrenalin in den Adern haben.

Übrigens: das Nordkap bietet noch viel mehr als eine grandiose Aussicht – immer vorausgesetzt, Ihre tauben Glieder lassen noch ein wenig Kultur zu. Von einer Vogel- oder Königskrabbensafari über Schneemobilrennen bis hin zu einer Kunstgalerie, einer Ice Bar und einem Weihnachtshaus können Sie dort so einiges erleben und entdecken.